Advent
In diesem Raum riecht es anders: nach Zimt und Lebkuchen, Mandarinen. Es gibt andere Klänge, Lieder, die wir vielleicht singen oder mitsummen, aber auch Klänge, die in meinem Innersten anklingen und Erinnerungen wecken.
Das Eintreten in Räume hat auch mit Türen zu tun. Wir kennen das Adventslied: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit". Eintritt in die Räume: Die Türchen an den Adventskalendern machen das auf ihre Weise auch noch einmal deutlich.
Meine Kindheitserinnerung an Weihnachten mit Türen und Räume:
Immer am Heilig Abend. Grosser Spaziergang mit der Schwester und dem Vater am späteren Nachmittag. Beim Heimkommen gibt es eine heisse Schokolade. Aber etwas hat sich verändert. Die Schiebetüre zwischen Esszimmer und Wohnzimmer, die das ganze Jahr immer offen stand, ist jetzt geschlossen.
Es folgt ein feines Nachtessen im Esszimmer – dann wird die Türe zum Wohnzimmer aufgemacht – und dort steht der Tannenbaum, die Kerzen brennen und darunter liegen die Geschenke. Die Türe ging so auf zu einem speziellen Raum mit dem Weihnachtsbaum.
Die Türen des Advents und Weihnachten machen bei uns vielleicht auch wieder Räume auf, Räume der Erinnerung. Wir erinnern uns an unsere Kindheit und Jugend, an Weihnachten. Man erinnert sich an die Zeit damals, wie man sich auf Weihnachten gefreut hat, auf den ersten Schnee.
Die Advents- und Weihnachtszeit ist nicht nur eine besinnliche Zeit. Es ist auch eine sinnliche Zeit. All unsere Sinne kommen auf die Rechnung: Das Hören, das Riechen mit der Nase, das Schmecken mit dem Gaumen, das Fühlen.
Nun, diese Zeit macht uns nicht nur empfindsamer, vielleicht auch verletzlicher. Besonders dann, wenn wir mit unseren Erinnerungen konfrontiert werden. Oder mit der Frage: Wie ist es sonst durchs Jahr mit unseren Lebensräumen? Wohne ich in einem Raum, in dem es ganz dunkel ist, weil meine Fragen oder sogar Konflikte die Farben verschlucken? Wohne ich in einem Raum, in dem nichts mehr vertraut ist, weil mein Leben sich so rasant verändert?
Ich denke, es ist gut und es ist wichtig, dass es jedes Jahr Advent und Weihnachten wird – wo Türen aufgestossen werden zu neuen Räumen – nehmen wir sie wahr und wagen uns, sie zu betreten.
So wünsche ich euch allen eine solch schöne, besinnliche und eben auch sinnliche Zeit und Weihnachten mit möglichst vielen Farben, wohltönenden Klängen, feinen Düften und guten Gedanken.
Wieder ist es Weihnachten geworden – mit all den Festtagen, die folgen werden. Doch nicht immer geht es dann an den Feiertagen ganz so zu, wie wir uns das ausgemalt haben. Vielleicht erwarten wir zu viel. Wir möchten ja alle eine mehr oder weniger heile Welt, nicht nur zur Weihnachtszeit, aber wenigstens doch dann. Vielleicht wird es Meinungsverschiedenheiten geben, weil wir uns auseinandergelebt haben oder weil unsere Art des Feierns in dieser seltsamen Zeit so verschieden und auch schwierig geworden ist. Weil wir im Alltag so viel verdrängen und dann plötzlich erschrecken, enttäuscht sind, dass wir unseren Traum nicht (mehr) finden können.
Oder vielleicht werden uns all die Nachrichten aus der Welt herausreissen, heraus aus der Fest und Besinnlichkeit. Und wir können uns dann in unserm trauten Glück nicht verstecken und sind angegriffen davon, in wie viel Not und Unglück andere Menschen leben, wie wenig Liebe und Recht und Frieden es doch auf der Welt gibt.
Das können wir auch an Weihnachten nicht verdrängen.
Doch Weihnachten ist trotzdem !
Diese Aussage ist kein Zynismus angesichts der Lage der Welt und unseres Lebens. Das ist die Zusage in der Weihnachtsgeschichte, die als Kind in der Krippe liegt: Sie gibt Stärke in aller Schutzlosigkeit, sie gibt Hoffnung in aller Ohnmacht, Liebe in aller Verzweiflung. Sie gibt die Möglichkeit, an Wunder zu glauben und daran, dass Vertrauen Berge versetzen kann.
Freude ist nicht verboten und Freude nicht über das, was am Leben trotz allem schön und liebenswert, gelungen und richtig ist. Wenn wir also gewissermassen unter der harten Schale den weichen Kern entdecken und wahrhaben können. Gerade an Weihnachten dürfen und sollen wir diese Freude in der Welt mit anderen teilen.
In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tags !
Das ist die adventliche Hoffnung, die an Weihnachten erfüllt wird: Gerade in der dunkelsten Zeit des Jahres feiern wir diese Hoffnung, dass das Dunkel vergehen wird. Dass wir hellsichtig werden, hellhörig, dünnhäutig auf das grosse Versprechen des Lebens hin. Dass wir die Schneckenhäuser des Misstrauens, des Pessimismus nicht mehr brauchen. Und wir brauchen dann auch keine Luftschlösser mehr, von Erfolg und Reichtum und Macht. Träume sollen wir aus den Nächten mit in unsere Tage nehmen.
An Weihnachten beginnt etwas, das keiner mehr aufhalten kann !
Und so besingen wir und so feiern wir trotz alledem im Namen der Menschlichkeit und der ganzen Schöpfung den »Klimawandel« Weihnachten.
So wünsche ich euch allen ein lichter- und hoffnungsvolles Weihnachtsfest – und einmal mehr, trotz allem.
Es ist es mitten in der Nacht – in einer völlig unbedeutenden Ortschaft geschieht etwas ausserordentliches. In einem unbedeutenden Nebengebäude einer völlig unbedeutenden Herberge ereignet es sich. Völlig unbekannte Menschen werden plötzlich bedeutend. Die Hirten, völlige Aussenseiter der Gesellschaft in der damaligen Zeit, sie sollen die ersten sein, die es erfahren, sollen Botschafter werden.
Das Bild einer Geburt eines Kindes soll von jetzt an den Menschen ein Bild von Zukunft – von guter Zukunft sein.
Es sind Gegenbilder – nicht Königskind im Schloss – sondern in der Krippe. Nicht am gleissenden Tag oder unter hellen Scheinwerfern – sondern in der Nacht.
Die Nacht – immer als Gegensatz zum Tag gesehen – oft auch negativ gesehen. Die Helle, das gute. Die Finsternis, das schlechte.
Selbstverständlich - früher war die Nacht wohl noch bedrohlicher, als heute – heute mit dem elektrischen Licht können wir die Nacht verscheuchen – taghell leuchten die Scheinwerfer im Fussballstadion.
Selbstverständlich können uns Nächte auch sehr lang werden – wenn wir daliegen und nicht schlafen können, wenn wir vielleicht Schmerzen haben, traurig sind, einsam sind. Und wo wir uns danach sehnen, dass es endlich Morgen wird.
Doch das eine gibt’s nicht ohne das andere.
Ohne Nacht, ohne unseren Schlaf wären wir am Tage wohl nicht lange auf den Beinen.
Oder ich finde es immer wieder sehr schön, in einer klaren dunklen Nacht den Sternenhimmel zu betrachten und die verschiedenen Sternbilder zu suchen – da wird auch vieles wieder relativ, was ich manchmal als das Absolute meine zu verstehen, verstehen zu müssen
An Weihnachten und mit der Weihnachtsgeschichte bekommt die Nacht wirklich auch ihre positive Seite – wir kennen das Lied von der "Stillen und der Heiligen Nacht" – also in dieser Geschichte selber wieder ein Gegenbild.
Und zuletzt noch einmal von einer anderen Seite betrachtet: Wir gehen ja selber manchmal auf unserem Lebensweg durch dunkle und finstere Abschnitte – und das ist wirklich manchmal ja nicht sehr leicht, weil man den Weg, seinen Weg ja verlieren könnte, weil man ihn vielleicht gar nicht sehen kann. Aber alle die bisherigen Gedanken – vor allem das Bild der Hirten in der finsteren Nacht – gibt doch Anlass, auch auf den dunklen Abschnitten darauf zu vertrauen, dass immer mal wieder ein Licht aufgeht und dem man dann folgen kann.
Die Nacht ist als Bild von Durchgang zu etwas Neuem.

Ich wünsche euch allen ein hoffnungsvolles Weihnachtsfest – trotz allem.